Ein tropfender Wasserhahn – Ich muss sterben!

Es ist schon erstaunlich, was für einen Einfallsreichtum die Anrufer entwickeln, nur damit deren Anliegen im Notdienst sofort erledigt wird.

Für diejenigen, die nicht für eine Hausverwaltung arbeiten: Notfälle sind Vorkommen, bei denen Gefahr für Leib und Leben besteht bzw. das Leben in einem unerträglichen Maße einschränken. Hierzu zählen beispielsweise Wasserrohrbrüche, Brände, Stromausfälle oder eine Verstopfung des WCs.

Manchmal habe ich das Gefühl, dass man sich in der Gemeinschaft Gedanken über mögliche Begründungen macht, die für einen sofortigen Einsatz sprechen. Meistens werden die kleinen Kinder vorgeschoben. So meldete eine Mieterin kürzlich, dass der Heizkörper in der Küche nicht funktioniert. Ihr Kleinkind würde frieren und der Heizkörper müsse sofort repariert (in diesem Fall lag es am Thermostatventil) werden. Das arme Kind muss sich ständig in der Küche aufhalten. Die Mieterin wohnt ja auch nur in einer 3-Zimmer-Wohnung.

In einem anderen Fall erhielt ich einen Anruf von einer Mieterin, die den Aushang bzgl. der Wasserabsperrung nicht gelesen hat. Es könne nicht sein, dass unangekündigt das Wasser abgesperrt wird. Schließlich bräuchte ihr Meerschweinchen ganz dringend was zu trinken. Ihr könnt euch sicherlich vorstellen, dass mich dieser Anruf persönlich sehr getroffen hat – zumal ich auch drei Meerschweinchen habe. Ich habe ihr versucht klar zu machen, dass Meerschweinchen ihre Flüssigkeit überwiegend aus frischem Gemüse beziehen und diese Tierchen durchaus 8 Stunden mal ohne frisches Wasser auskommen können. Nach diesen wohl gemeinten Worten legte sie, natürlich völlig erbost, auf. Nebenbei sei erwähnt, dass diese Mieterin auch noch Kinder hat – da war in diesem Moment das Meerschweinchen aber wichtiger.

Die Küche ist ein Ort, an dem sehr viele „Notfälle“ auftreten können. Neben dem oben genannten Heizungsausfall gibt es…oh ja…den undichten Traps der Küchenspüle:

„Jedes Mal, wenn ich die Küchenspüle nutze, läuft das Wasser unten raus. Und es wird immer mehr!“, klagte die Dame woraufhin ich ihr empfahl, die Küchenspüle nicht zu nutzen.
„Ich muss doch aber abwaschen und kochen!“
„Haben Sie ein Handwaschbecken im Badezimmer? Dann nutzen Sie dieses doch erst einmal über das Wochenende zum Wasser entnehmen.“
„Nein, das ist ja eklig! Es muss heute unbedingt noch jemand vorbeikommen – sonst kann ich nicht kochen!“

Ich wiederholte noch einmal, was ihr bereits meine Kollegin über Notfälle erzählte und dass der Auftrag bereits an die Firma raus ist, die sich Anfang der Woche melden würde. Somit war das Thema für beide Seiten erledigt.

„Mein Herd geht nicht mehr. Vor zwei Wochen war schonmal ein Elektriker da und hat die eine Herdplatte in Ordnung gebracht und nun geht wieder nichts.“

Sämtliche Alarmglocken schrillten. Auf meinem visuellen Display erschien das Wort „Notfall“ in blinkender Schrift. Leider wurde ich wachgerüttelt und erkannte, dass es keiner war. Nachdem ich der Dame – ja, wieder eine Dame…die Männer pöbelten immer fleißig im Hintergrund – erklärte, dass dies kein Notfall wäre kam der Spruch, auf den ich schon soooo lange gewartet habe:

„Für MICH ist das aber ein Notfall! Ich habe kleine Kinder (ah…da waren sie wieder) und ich muss kochen.“.

Nach einer erneuten Erklärung meinerseits (defekter Herd = kein Notfall) wurde sie „aggressiver“: „Das ist ja toll! Dann muss meine Familie also verhungern?!?!“. Sie wusste anscheinend, was mit „Notfall“ gemeint ist…Gefahr für Leib und Leben. Mit den Worten „Es ist noch niemand verhungert, nur weil ein Herd mal einen Tag nicht funktioniert“ konnte ich sie jedoch wieder beruhigen. Am nächsten Werktag fährt der Monteur vorbei und wird alles wieder in Ordnung bringen.

Wer es noch nicht wusste: Durchlaufende Toilettenspülungen (es sammelt sich kein Wasser im Spülkasten, um ausreichend spülen zu können…das Wasser läuft permanent) sind lebensgefährlich. Erst recht dann, wenn der Mieter weder Eimer, noch Topf oder Schüssel im Haus hat, um nachzuspülen. Nach einem Eskalationsgespräch, das seinesgleichen sucht (wenn der Hausmeisternotdienst nicht eine neue Toilettenspülung mitbringt, wird er ihn so lange einsperren, bis die Firma vorbeikommt und das in Ordnung bringt), habe ich einen Auftrag angelegt, welcher von der Firma am nächsten Werktag storniert wurde. Begründung „Mieter hat den Mangel selbst repariert“. Aha!

Das Bad ist wirklich gruselig…sooo viele Abflüsse – Badewanne/Dusche, Handwaschbecken, Toilette. Und jeder davon kann verstopfen. Leider war beim folgenden Anruf auch das verstopfte Handwaschbecken kein Notfall. Selbst das unschlagbare Argument, man könne sich ja die Zähne nicht über der Badewanne putzen, „überzeugte“* uns nicht. Somit musste er sich bis zum Tagesdienst gedulden.

Kommen wir nun noch zu den Klassikern:

Kennt ihr auch den Schimmel, der sich über Nacht an Wänden und Decken ausbreitet und von hier auf jetzt etliche Quadratmeter groß ist? Nein? Bisher kannte ich ihn auch noch nicht – aber es soll ihn geben. Und er muss natürlich SOFORT beseitigt werden!
Oder: Die Erkältungskrankheiten, die auf Grund einer seit 4 Stunden nicht funktionierenden Heizung vorkommen? Vor allem Kinder sollen da sehr anfällig sein. In diesem Fall lag tatsächlich ein Notfall vor, weil das ganze Haus davon betroffen war – die Firma war auch schon informiert. Allerdings waren die Kinder des Anrufers beim letzten Gespräch auf einmal alle krank.

Bevor jetzt jemand auf die Idee kommt (zum Beispiel) den tropfenden Wasserhahn der Hausverwaltung als „Rohrbruch“ zu melden dem sei gesagt: Zu Unrecht gemeldete Notfälle können dem Mieter in Rechnung gestellt werden – was unter Umständen sehr teuer werden kann. Jede ausführende Notdienstfirma gibt der Hausverwaltung eine Rückmeldung über die ausgeführten Tätigkeiten. Sollte die Hausverwaltung feststellen, dass der Rohrbruch doch nur ein tropfender Wasserhahn gewesen ist, können aus 0 Euro (zu den regulären Geschäftszeiten) mal ganz schnell 100,- Euro und mehr werden.

Die oben genannten Fälle kamen allesamt im Notdienst vor und sind in der Tat keine Notfälle (bis auf letzterer). Hier geht es vielmehr um die Dinge, wo einige der Mieter der Meinung sind, DAS müsse doch jetzt bei der Hausverwaltung als Notfall gelten, wenn ich mit entsprechenden Argumenten komme.

Bevor jetzt jemand denkt, ich würde die Anliegen der Mieter nicht ernst nehmen: Die Beweggründe für diesen Blogeintrag war jedoch der Einfallsreichtum, damit der „tropfende Wasserhahn“ auch im Notdienst repariert wird. Und andere Mieter ächzen unter den steigenden Mieten, die durch aus den oben genannten Zusatzkosten (das fließt ja alles in die Nebenkosten mit ein…mehr oder weniger) kein bisschen gebremst werden können.

In den kommenden Tagen wird es noch einen Bericht zu einem ähnlichen Thema, wie dem oben genannten, geben. Allerdings in genau umgekehrter Reihenfolge und nicht aus meinem Berufsalltag: Größere Mängel werden im Tagesgeschäft nicht behoben. Betroffen sind davon eher ältere Leute. Traurig aber wahr. Lasst euch überraschen.

* Wir haben unsere Vorgaben…deshalb in Anführungsstrichen

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