Alte Bäume soll man nicht verpflanzen

Vor fast 9 Jahren arbeitete ich sechs Monate lang in einem Pflegeheim für alte, hilfebedürftige Menschen. Diese wurden – soweit es das finanzielle Budget der Kranken- und Pflegekassen zuließ – liebevoll umsorgt und auch heute denke ich an die eine oder andere Bewohnerin mit einem Lächeln zurück. Die Arbeit hat dort wirklich Spaß gemacht.

In den vergangenen Tagen las ich in den Tageszeitungen, dass das Marie-Schlei-Haus (oben genanntes Heim) – im Berliner Bezirk Reinickendorf, Ortsteil Wittenau gelegen – in eine Unterkunft für Asylbewerber umgewandelt werden soll. Ursprünglich für 110 Pflegebedürftige gebaut, sollten dort ab Ende März/Anfang April 220 Asylbewerber unterkommen. Als Grund wurde die geringe Auslastung von 60-70% und die damit einhergehende Unwirtschaftlichkeit genannt.

Sowohl die Angehörigen der Bewohner, als auch die Mitarbeiter des Hauses wurden sehr kurzfristig darüber informiert. Und wie denken die Betroffenen darüber?

Nur weil ein Großteil der Bewohner unter Demenz leidet heißt es noch lange nicht, dass sie nicht mehr in der Lage sind sich klar zu äußern. Als Betreiber solcher Einrichtungen sollte man wissen, dass die Fähigkeiten der Betroffenen nur schubweise verloren gehen. In einem Moment des erneuten Anfalls erzählt der Erkrankte völlig wirres Zeug und im nächsten Moment erhält man ganz klare Antworten.

Nun sollen die Bewohner in andere Einrichtungen ziehen. Wohin, weiß man wohl noch nicht. Für die Angehörigen und vor allem für die Bewohner wird dies wieder eine erneute Zeit der Eingewöhnung mit sich bringen – nur ob die letztgenannten dies überstehen werden, ist fraglich.

Ein alter Baum wächst auch nicht mehr an, wenn er verpflanzt wurde.

Nachtrag: Das Bauamt des Bezirks Reinickendorf hat sich gegen die Unterbringung von 220 Asylbewerbern ausgesprochen – auch nur auf Grund der Anzahl. Allerdings werden die jetzigen Bewohner auf jeden Fall das Feld „räumen“ müssen.

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