So viele Komplimente auf einmal…

Nach dem „Kloppi-Donnerstag par excellence“ (eine Extrem-Eskalation nach der anderen) hatte ich mich schon auf einen entspannten Arbeits-Freitag eingestellt. Jeder freut sich auf’s Wochenende, Geld gab’s auch – warum sollte da noch jemand anrufen und eskalieren?

So kam es dann auch: Bei Anliegen, wo die Anrufer gestern noch explodiert wären, war heute Friede, Freude Eierkuchen. Einer toller Arbeitstag.

Moment! Da war doch noch…

Genau! Herr S. Man stelle sich einen Herrn (vermutlich aus bayerischen Landerln) vor, der – der Stimme nach zu urteilen – stramm auf die 60 zugeht. Herr S. ist jemand, an den ich auch noch in vielen vielen Jahren zurückdenken werde, denn Herr S. ist ein wahrhafter Charmeur. Jetzt möchte natürlich jeder wissen, wie ich es geschafft habe, gaaaaanz viele Komplimente zu erhaschen. Hier die Geschichte:

Das Telefon klingelte. Wieder einmal störte mich jemand in meiner 5-sekündigen Entspannungsphase. So ging ich also an den Fernsprecher 🙂 Nach dem üblichen „Blabla“ (Mein Name ist…) stellte sich mir Herr S. vor. Freundlich wie er war, verriet er mir auch gleich, wo er wohnt. So konnte ich mir gleich seine Daten aufrufen. Ein sehr vorbildlicher Anrufer.

Er schilderte mir, dass es bereits einen Zweittermin mit der Ablesefirma gab. Nach dem „Warum“ habe ich natürlich nicht gefragt. Nach gefühlten 100 Kommunikationsschulungen in den 6,5 Callcenter-Jahren weiß ich mittlerweile, dass man sowas nicht machen darf. Herr S. berichtete weiter, dass sich die Mitarbeiter der Ablesefirma – seltsamerweise waren sie zu zweit – geweigert hätten, den Spiegel, welcher vor seinen Wasseruhren angebracht war, abzunehmen.

Spannend, nicht wahr? Fand ich bis dahin auch. 🙂

Nachdem Herr S. die Mitarbeiter der Firma darauf aufmerksam machte, dass der Spiegel schon bei seinem Einzug hing und er nicht in der Pflicht wäre, diesen abzumontieren, hätten ihm selbige so gegen das Bein getreten, dass er sich seitdem „nur noch humpelnd durch die eigene Wohnung bewegen“ könne. Ich fragte ihn, ob er denn Anzeige bei der Polizei erstattet hätte. „Ja, natürlich sofort – wegen Körperverletzung!“. Na Gott sei Dank.

Dann schweifte Herr S. vom Thema ab: „Mit dieser Stadt (Berlin) habe ich abgeschlossen! Ich werde hier wegziehen. Überall nur Kriminelle und an jeder Ecke wird man zusammengeschlagen.“
„Ach!“, dachte ich mir, „Wo war ich bloß in den letzten 30 Jahren meines Lebens?“. So ließ ich Herrn S. weitererzählen. „Selbst die von der Hausverwaltung machen nichts! Alles Kommunistenanhänger, Nazis, Verbrecher!“. Das wurde mir dann doch zu viel und ich holte ihn wieder zurück zum Thema.

Nachdem Herr S. mir noch einmal erklärte, dass er nicht in der Pflicht wäre…blablabla (siehe vorletzten Absatz), verwies ich ihn auf die Karte mit dem Ablesetermin, auf welcher sehr wohl steht, dass er für einen ungehinderten Zugang zu den Ablesestellen zu sorgen hat.

Dann ließ Herr S. seinen ganzen Charme spielen: „Hören Sie doch auf zu spinnen! Der Spiegel hing hier vorher schon und nichts habe ich. Sie sind ja genau so’ne Nazisau und so’n Kommunistenschwein wie alle anderen hier…“. Ich wollte ihn in seinem Redefluss nicht unterbrechen. Allerdings wartete schon der nächste Anrufer, weswegen ich ihm noch einen schönen Tag wünschte und auflegte.

Entschuldigt bitte die Wortwahl – aber sowas darf man sich im Callcenter teilweise auch anhören.

Wie ihr euch bestimmt vorstellen könnt, war ich sichtlich „gerührt“ von so viel Charme. Nachdem mir eine Kollegin (und sehr gute Freundin) sagte, dass ich ihn deswegen hätte anzeigen können, konnte ich mir gerade so verkneifen ihn nochmal zurück zu rufen um ihn darauf hinzuweisen. Name, Adresse etc. war ja alles vorhanden. Ich habs mir aber geklemmt.

So ein kleines Würstchen ist schon genug mit sich selbst gestraft. Soll er auf seine Alm nach Bayern zurückziehen (wahrscheinlich nur der Liebe wegen hergezogen – wie so oft). Da kann er rumpöbeln, so viel er will. Da hört ihn wenigstens keiner – außer vielleicht die Lila-Milka-Kuh. Allerdings – im Gegensatz zu den Mitarbeitern der Ablesefirma, die unverrichteter Dinge wieder gegangen sind (ganz zum Anfang sagte Herr S. dies auch) – verpasst diese ihm dann womöglich einen richtigen Tritt.

Verdient hätte er’s!